20.1.2017
Liebe Slamily,

Es waren neun spannende Jahre für mich. Aber mein Leben und ich, wir haben uns verändert, und ich habe mich bereits die letzten Jahre nicht in dem Maße um MySlam kümmern können, wie ich es gerne getan hätte. Daher endet dieses Kapitel für mich heute.
Ich wünsche euch, dass ihr weiterhin die lauten Töne und noch viel mehr die leisen beherrscht. Dass ihr die Zwerchfelle der Menschen berührt und noch viel mehr ihre Herzen.
Ich bedanke mich bei euch für die Treue und auch für die Kritik, die Provokation und die Leidenschaft. Bei einigen wenigen bedanke ich mich für ihr ganz besonderes Engagement für MySlam.
Bleibt wie ihr seid und schreibt nicht zu viel Käse auf Facebook!


Wolfgang

"Und blüht am End' der Freiheit Glück. Dann ward die Tat des Wortes Lohn"
(Wehwalt Koslovsky)
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Xóchil A. Schütz

Xóchil bespricht: „geh doch ins Licht“ von Schriftstehler

Schriftstehler hat mit seinem gereimten Männertagebuch eine neue literarische Gattung begründet. Gedanken zur Bekenntnisliteratur eines Aufgeregten.
In Schriftstehlers Buch „geh doch ins Licht“ stehen Gedanken zum Papst und zum P*psen neben aufgeregten Ausrufen und Aufrufen zum Weltfrieden. Vor allem steht aber überall der Autor, der sich um sich selbst dreht wie eine Ballerina. Nur wirkt diese, in ihrem schwarzen Dress, fallsüchtig.

Würde ich behaupten, mir habe dieses Buch gefallen, wäre dies nicht ganz richtig. Aber es hat mich interessiert. Hier schreibt niemand zum zehnten Mal über den Inhalt des WG-Kühlschranks. Es geht bei schriftstehler emotional durchweg ums Ganze – und das heißt in seinem Fall vornehmlich, um die eigene Person.

Die Suche nach sich selbst und die Selbstvergewisserung scheinen mir so offensichtlich Triebfeder der Texte, dass der Autor hinter ihnen kaum zurücktritt.
Mir fällt es entsprechend schwer, die zumeist tagebuchartigen Geschichten (und wenigen Gedichte) für mich selbst nutzbar zu machen.

Dennoch ist mir ein Autor, der die eigene Fassade aufreißt, lieber als einer, der „hinter seinen Mauern versauert“ (Zitat Schriftstehler).

schriftstehler treibt es mit der Selbstbefragung allerdings so weit, dass man fürchtet, sie könne in Selbstzerfleischung umschlagen.

An anderen Orten wiederum will das Lyrische Ich die Welt „Frieden und Respekt lehren“ - einen Frieden, den es selbst aber (noch) nicht gefunden zu haben scheint. Eine „goldene Mitte“ und ein Genuss inneren Friedens scheint bei schriftstehler in meiner Wahrnehmung (noch) nicht auf.

Etwas anstrengend finde ich persönlich zudem die Form der meisten Texte.
Ich habe mich gefragt, warum ein Mann, der Bücher schreibt, kaum einen normalen Satz formulieren kann. An fast jedes (Neben-)Satzende klebt er einen Reim, wenn ihr versteht, was ich mein’. Für lyrisch weniger bewanderte Personen mag das auf der Bühne kunstvoll klingen. Spätestens beim Lesen wird das vorhersehbare Dauergereime aber zum Stein am Bein – des Textes. Er wirkt nicht mehr frei, sondern zurechtgezwängt. (Auf mich. Es mag andere Meinungen dazu geben.)


Schön, originell und poetisch fand ich allerdings immer wieder einzelne Bilder, die schriftstehler benutzt:

In seinem „Stadttext“ gibt es nur noch eine einzige Jahreszeit, die als „beschäftigt“ bezeichnet wird. Menschen tragen dort „Steingesichter“, „Atemzüge haben Verspätung“.

In „Die Familie“ schreibt schriftstehler von einer Frau, die die „Unendlichkeit am Ringfinger“ fühlen wollte - und nun Tabletten schluckt, die sie nicht davor bewahren, „dass das Leben sie täglich besucht“. Und „jedes Mal, wenn sie unwillkürlich den Kopf schüttelt, dann ist sie wie ein Berg, der sich langsam selbst zerklüftet.“

Solche Bilder finde ich stark.

Im Ganzen schien es mir aber recht anstrengend (manchmal gar qualvoll), dieser Seele zwischen Misstrauen, Aggression, Selbstzweifel und gelegentlicher Moralinsäure zu folgen.

Trotzdem präsentieren die Texte auch immer wieder eine fast verzweifelte Sehnsucht und Suche nach Frieden mit sich selbst und der Welt.

Vielleicht lässt es sich nicht nur ins Licht gehen, sondern auch „ins Licht schreiben“. Im Falle von schriftstehler wäre ich neugierig, wie „lichte Texte“ klängen.

Im Ganzen wirkt das Buch von Armin aka schriftstehler auf mich wie ein harter Brocken, der an manchen Stellen glänzt – und innen einmal leer ist, einmal kracht, kämpft, (ver)brennt.


Ein weiteres Zitat aus dem Buch (Seite 27):

„Ich bin das Kind, das darauf hofft, noch etwas zu finden, das all die Schmerzen in mir lindert, das Kind, das unfähig ist, sich an jemand anderen zu binden, das stattdessen auf Bühnen steht und Worte aneinanderbindet“.

Vielleicht könnte es einen Versuch wert sein, Worte auch einmal ein wenig weniger feste aneinander zu binden – und nachzufühlen, ob die Zwischenräume nicht fabelhaft atmen. Und Frieden bringen.



Schriftstehler/Armin Sengbusch: geh doch ins Licht. Lektora Verlag 2010. 9,90 Euro.

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Xóchil A. Schütz

Xóchil A. SchützAutorin, Spokenword-Poetin, Diplom-Politologin
*1975

Seit dem Jahr 2000 Lesungen und Auftritte in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, Belgien, Kroatien, Tschechien, der Slowakei, Polen, Lettland, der Ukraine und den USA

Diverse Preise und Stipendien
Zahlreiche Einzelpublikationen