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Forum - Texte - Prostitution der Gesellschaft!

SabrinaSchelker

Prostitution der Gesellschaft!

Internet Community

War man soeben noch konform mit der Meinung, dass durch das Internet die Möglichkeit
gegeben ist, soziale Kontakte aufrecht zu erhalten, ja vielleicht noch zu intensivieren und
den täglichen Umgang zu verifizieren, indem man mit "Aufrichtigkeit" pflegt, was Entfernung
einbußt, so ermöglichte das Team hinter Facebook mit dem Threat der Umfrage "Friend facts"
dem Leser die Offenbarung der "wirklichen", "intimen" Meinung Anderer gegenüber dem Selbst.
Welch wunderbarer Einfall- endlich konnte man einmal erfahren, was die "Anderen", die Freunde, deren Freundschaft man doch durch mediale Verbindung legitimiert sieht, und deren Freundschaft
man auch als Bestätigung der eigenen Person betrachtet, insgeheim über einen dachten. Die
dahinterstehende Freude ist geprägt von Optimismus, denn wer wollte schon sich dem Gedanken
hingeben, seine Freunde würden einen vor der Wahrheit verschließen. Nein- dies wäre doch absurd.
So öffnet man wohlgemut das Fenster "Wahrheiten über dich" und wiegt sich in schillernder Hoffnung vor dem positiven Feedback über die eigene Person.
War man vor einer Minute noch völlig selbstbewusst und schillernd, so gleitet das Gemüt doch durch tiefgreifende Irritation "pikanter Fragen" zuerst über in Beschämung; nimmt man dann noch wahr, was die Gedanken derer spinnen, die in wilden Assoziationen schwelgen bei Fragen wie "Würdest du XXX gerne nackt sehen wollen?" und so die eigene Nacktheit vor dem geistigen Auge schamlos entblößen, dann zu allem Übel auch noch Gedankenblasen durchstechen, als wären sie ein Nichts, dass es abzulehnen gilt, weil eine solche Vision nicht schmackhaft ist, dann tun sich vor der eigenen Emotionalität ganze Abgründe auf.
Was den ganzen Scherz auch noch unterstreicht und ihm die Würze der Absurdität verleiht, ist das Aufprallen einer ganzen Schar "Wahrheiten", die unter dem Gesicht der Anonymität stehen, da deren Absender codiert sind. So empfängt der Leser also nicht eine subjektive Meinung zu einem seiner Eigenschaften ect., sondern muss mit kategorischen Wahrheiten über sich zurecht kommen, die als objektiv richtig gelten.
Aber um diesem Dilemma Abhilfe zu schaffen und die moralische Nische zu belegen, die der Schwere einer objektiven "Halbwahrheit" auferliegt, war das Team hinter Facebook so raffiniert, um dem Leser die Möglichkeit zu bieten, als Krönung des Absurden sozusagen, das Gesicht dahinter zu erkaufen bzw. mittels einer gewissen Punkteanzahl, die sich erkaufen lässt ( genau 60 Punkte an der Zahl für eine Wahrheit), aufzudecken, wer, was über einen gesagt hat.
"Die Würde des Menschen ist unantastbar", so erklingt mir ein fernes Echo in den Ohren, gesprochen von modriger Instanz, die der Entwürdigung des Einzelnen nur ein müdes Gähnen entgegenbringt und auf der Stufe der Maximenleiter um einiges zertrampelt wurde. Strahlend hingegen erweist sich blindlings der Marionettenspieler "Vermögen, Geld im Bündnis mit Macht" in welchen althergebrachte Werte wohl ganz mickrig oder gar nicht in Erscheinung treten.
Sehr schockiert und mutlos blicke ich in die Zukunft einer Gesellschaft, die sich lieber prostituiert und sich daran erfreut, als den Verstand einzuschalten.